07.07.2021

Risiken der Kernkraft bleiben nicht beherrschbar

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986. Aber erst nach dem nächsten verheerenden Reaktorunfall im März 2011 im japanischen Fukushima beschloss die Bundesregierung den deutschen Atomausstieg bis 2022. Das Kernkraftwerk in Grafenrheinfeld ging schon 2015 vom Netz, die Gefahr aber bleibt, weil die Brennstäbe, verpackt in Castoren, vor Ort zwischengelagert bleiben, bis ein Endlager gefunden wird. Und das wird dauern.

Unter anderem darauf haben anlässlich der beiden Jahrestage die Bürgeraktion gegen Atomanlagen und Bürgerinitiative Umwelt und Lebensschutz (BA-BI), das Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft, die Kreisgrünen und der Grüne MdL Paul Knoblach bei Veranstaltungen, Mahnwachen und via Pressemitteilungen hingewiesen.

Wegen der Pläne des Energiekonzerns PreussenElektra, radioaktiv strahlendes Material aus dem im Rückbau befindlichen Atomkraftwerk Würgassen ins Zwischenlager nach Grafenrheinfeld zu transportieren, gibt es aktuell massiven Widerstand. Unter dem Slogan „Grafenrheinfeld ist keine Atommüllkippe!“ stemmen sich auf Initiative der Grünen mittlerweile etliche Landkreisgemeinden in Resolutionen und auf Plakaten gegen das Vorhaben. Die Protestbanner stehen an vielen Ortsausgängen von zahlreichen Gemeinden und der Stadt Schweinfurt.

„Ein gutes Signal“, betonte der Grünen-Landtagsabgeordnete Paul Knoblach. Die Pläne, Atommüll durch die halbe Republik zu karren, bezeichnete Knoblach bei der Aufstellung der Plakatwand in Grafenrheinfeld als „Offenbarungseid“ der Betreiber und Zeichen der Konzept- und Hilflosigkeit. „Ein gefährlicher Atommülltourismus, der verhindert werden muss,“ so der Landtagsabgeordnete. „Tschernobyl hat uns gezeigt, dass die Risiken der Atomkraft eben nicht beherrschbar sind, wie uns das immer wieder vorgegaukelt wurde“.

Schon lange vor der Katastrophe in Tschernobyl hätten sehr viele Menschen, auch er, in Wyhl, in Brokdorf, in Wackersdorf und an vielen andere Orten mehr vor den Gefahren der Atomkraft gewarnt. „Umso schlimmer ist, dass es mit Fukushima 2011 erst noch einer weiteren Katastrophe bedurfte, bis der stets geforderte Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland endgültig beschlossen wurde“, so Knoblach in einer Mitteilung seines Büros.

Wie in der Ukraine mussten auch in Japan Hunderttausende ihre Heimat verlassen. Auch dort wurden Mitarbeiter höchsten gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, um die Katastrophe einzudämmen. „Ich habe noch immer die Bilder von der Katastrophe in Tschernobyl vor Augen, später die Strahlenmessungen in Böden und Lebensmitteln hier bei uns und die Ängste so vieler junger Mütter und Väter, ein junger Vater war ich damals auch“. Für Knoblach ist und bleibt die Atomenergie eine Sackgasse der technischen Entwicklung. „Die Orte Tschernobyl und Fukushima sind dafür ewige Mahnungen“.

Dass 2022 das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet wird, nennt der Grüne MdL aus Garstadt eine eigentlich gute Nachricht. „Damit ist aber unsere Arbeit noch lange nicht getan“, sagte er unter Hinweis auf das Zwischenlager, das noch Jahre als riskantes Provisorium bleibe. PreussenElektra werde außerdem Ende Juni die Werksfeuerwehr auflösen und nur noch während der Arbeitszeiten eigenes Personal für die Sicherheit des Atomkraftwerks bereitstellen. Für Knoblach ist das „eine vollkommen unangemessene Kostenreduzierungsmaßnahme“. Diese Aufgabe nach Dienstschluss den freiwilligen Feuerwehren der Umgebung zu übertragen, sei nicht nachvollziehbar. Dass es auch anders geht, zeige Baden-Württemberg.

Die BA-BI fordert die Gesellschafter des Gemeinschaftskraftwerks GKS auf, ihren Einfluss auszuüben, dass kein frei gemessener Abfall aus dem Atomkraftwerk Grafenrheinfeld im GKS verbrannt oder auf der Deponie Rothmühle gelagert werde, auch wenn dies nach derzeitigem Recht möglich wäre. Über dieses Ergebnis eines digitalen Mitglieder-Treffens informierte der stellvertretende BA-BI-Vorsitzende Walter Rachle (Sennfeld) in einer Mitteilung. Gesellschafter des GKS sind neun unterfränkische und badische Städte und Landkreise, die Stadtwerke Schweinfurt sowie die Unternehmen Schaeffler, ZF und SKF.

Hintergrund der Forderung ist, dass frei gemessener Abfall aus dem AKW Grafenrheinfeld, der verbrannt werden soll, bislang ans Müllheizkraftwerk in Schwandorf geliefert worden ist. Dem habe die lokale Politik einen Riegel vorgeschoben, weshalb der Müll aus dem AKW ab diesem Jahr im Schweinfurter GKS entsorgt werden soll. Die BA-BI unterstützt hierbei die Forderungen der Umweltorganisation „ausgestrahlt e. V.“ nach Abschaffung der Freigabe radioaktiver Abfälle durch Freimessung sowie den Verbleib des Atommülls in atomrechtlicher Kontrolle. Das gesamte radio¬akti¬ve Material müsse also am Standort verbleiben und dort bis zur Inbetriebnahme der Langzeitlagerung baulich und per-sonell gesichert aufbewahrt werden. Insofern verwahrt sich auch die BA-BI gegen die geplante Anlieferung von Atommüll aus Würgassen und anderen Atomkraftwerken nach Grafenrheinfeld zur Zwischenlagerung.

Hinsichtlich der Endlagerproblematik zeigte ich die BA-BI besorgt darü¬ber, dass „aus dem absehbaren St.-Florians-Prinzip der Bundes¬länder“ das heutige Zwischen¬lager am AKW zu einem „Quasi-Endlager“ werden könnte, schreibt Rachle in der Mitteilung. Es sei deshalb höchste Zeit für einen Runden Tisch mit Bürgern, Betreibern und Umweltorganisationen zu bilden, um über das Thema zu informieren.

Darüber hinaus will die BA-BI ein hochwertiges Mess-System für radioaktive Strahlen anschaffen und die Einbindung in ein Messnetz mit laufender PC-gestützter Aufzeichnung und Auswertung. Ein wichtiges Anliegen ist es der BA-BI auch, dass die Bürger über die aktuellen Katastrophenschutzpläne informiert werden, die nach der Katastrophe von Fukushima geändert worden seien, deren weitere Umsetzung bis in die Ebene der Gebietskörperschaften der Nuklear-Standorte „nicht in notwendigem und praktikablem Umfang“ erfolgt sei.

Einmal mehr mit einer Mahnwache erinnerte das Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft am Tschernobyl-Jahrestag an die Opfer. Tschernobyl und Fukushima habe, so Sprecherin Babs Günther, gezeigt, dass Atomkatastrophen in ihren Auswirkungen grenzüberschreitend sind und Atomkraft nicht kontrollierbar und deshalb nicht zu verantworten ist. Auch ein Jahrzehnt nach der Nuklearkatastrophe in Japan sei die radioaktive Strahlung dort immer noch hoch. Böden, Luft, Nahrungsmittel, Trinkwasser und auch das Meerwasser seien kontaminiert.

Kritisch äußerte sich auch Babs Günther zu den geplanten Atommülltransporten aus Würgassen und zum Rückbau des AKW Grafenrheinfeld. Weil belastete Abfälle auf der Rothmühle deponiert würden, setze sich die radioaktive Belastung fort. Der Vorsitzende des Bund Naturschutz, Edo Günther, erinnerte bei der Veranstaltung auf dem Georg-Wichtermann-Platz laut einem Bericht im Schweinfurter Tagblatt in diesem Zusammenhang daran, dass auch geringe Strahlendosen Gesundheitsschäden zur Folge haben können.

Die Mahnwache begleitete die BA-BI mit einer thematisch passenden Aktion: Die schon bei vielen Protesten zum Einsatz gekommene 90 Meter lange Schriftrolle, auf der die über 240 Störfälle im AKW Grafenrheinfeld noch zu dessen Laufzeit notiert sind, war um ein Auto gewickelt. Dazu die BA-BI-Forderung nach einem „Europa ohne Atom!“ Auf einem Anhänger der BA-BI, der nach wie vor an wechselnden Standorten in Schweinfurt steht, erinnerte die BA-BI an die Nuklearkatastrophen in Fukushima vor zehn, Tschernobyl vor 35 und Harrisburg vor 42 Jahren. Darauf die Forderung: „Nie wieder Atomkraft.“

Hannes Helferich – Groschenheft Juni 2021

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